
Querdenken: Ein guter Ansatz
Jetzt liegen die Entwürfe für Reformen in Gesundheit, Pflege und aktuell bei der Rente auf dem Tisch. Die Bundesregierung könnte mit „Entscheiden“ loslegen. Aber das liegt deutschen Politikern nun mal nicht. Problemlösungsvorschläge müssen erst einmal auf breiter Basis diskutiert werden. Verbände werden angehört. Die Wissenschaft meldet sich.
Wir haben in Deutschland zu viele Lehrstühle für Gesundheitsökonomie, besser wären Lehrstühle für Patientenorientierung. Wenn ich bisweilen die Professoren solcher Lehrstühle argumentieren höre, merke ich, dass echte Praxisberührung gleich null ist. Aber für einen Auftritt in einer zum Teil Schmerzen auslösenden Talkshow reicht es immer.
Für einige Gesundheitsökonomie-Professoren wäre es besser auf die künstliche Intelligenz zuzugreifen, als auf die eigene
Und dann taucht des Öfteren in einer Nachrichtensendung ein unablässig mahnender Eugen Brysch vom Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz auf. Bei ihm habe ich immer den Eindruck, Patient zu sein, ist schon Elend genug.
Die Denkrichtungen speziell in der Gesundheits- und Pflegepolitik sind seit Jahren bekannt und die Erfolglosigkeit solchen Denkens auch. Mal so richtig, aber dennoch realitätsnah quer zu denken, riskiert kaum jemand.
Dabei sind viele erfolgreiche Reformen in der Vergangenheit von denjenigen eingeleitet worden, die sich gefragt haben, warum eigentlich nicht!
Mein kleines PaDi-Institut arbeitet vorwiegend im Stil einer Denkfabrik. Ich habe es immer geliebt, bei besonderen Herausforderungen oder Chancennutzung zu meiner aktiven Zeit ohne Leitplanken denken zu können. Bei Erörterungen solcher „quer“ gedachten Denkprozesse habe ich die Führungskräften stets gebeten, in den ersten 20 Minuten der Beratung sich zu einer Innovation nur mit Argumenten zu äußern, die für die Neuerungen sprechen. Erst danach sollten Negativargumente vorgetragen werden. Ein Verfahren, das immer noch funktioniert.
Das Neue steht unter Generalverdacht. Wir brauchen eine Entdecker- und keiner Meckerkultur
Denken wir einmal quer über die gesetzliche Krankenversicherung nach. Konstruktive Kritiker, die es sicherlich auch unter meinen Newsletter-Lesern gibt, bitte nicht sofort loslegen mit Negativem, sondern erst einmal sacken lassen, dann Positiv-Argumente suchen und an ihnen länger festhalten.
Die gesetzliche Krankenversicherung wird umlagefinanziert. Alle Kosten, die aus dem Leistungsangebot entstehen, werden über die Beiträge der Versicherten und Arbeitgeber umgelegt. In der privaten Krankenversicherung gilt das Kapitaldeckungsprinzip, das über die Risikobewertung auch individuelle Rücklagen bildet.
Mein PaDi-Denkfabrik-Vorschlag: Das bewährte GKV-Versicherungssystem in der Substanz bestehen zu lassen, also das umfängliche Leistungsangebot in Breite und Tiefe so beizubehalten und es auch bei Bedarf weiterzuentwickeln.
Die Versicherten der GKV können, was ihre individuellen Leistungswünsche betrifft, bei bestimmten nicht versorgungspolitisch elementar wichtigen Leistungen (ärztliche Behandlung, Krankenhausbehandlung, Arzneimittel) einzelne Leistungen abwählen (zum Beispiel Zahnersatz, Mutterschaftsleistungen) mit Auswirkungen auf die Beitragshöhe.
Außerdem erhält der GKV-Versicherte bei seiner gesetzlichen Krankenkasse auch die Möglichkeit, Leistungen als Wahlleistungen hinzuzuwählen, dann aber nach dem individuellen Kapitaldeckungssystem, zum Beispiel Pflegezusatzversicherungen oder erweitere Präventionsleistungen. Die GKV würde speziell bei den Zusatzversicherungen zum Wettbewerber für die PKV.
In der GKV gäbe es dann künftig ein Hybrid-Finanzierungssystem (umlagefinanziert und bei Wahlleistungen kapitalgedeckt). Die Vorteile: Die umfangreichen Grundleistungen (aktueller Leistungsrahmen) bleiben erhalten, es würden aber individuelle Variablen der Leistungsinhalte ermöglicht. Wenn man es anders ausdrücken möchte: Dazu könnten neben der begrenzten Ab- oder Zuwahl auch Selbstbehalte oder Wartezeiten gehören, was ja jetzt schon eingegrenzt möglich ist.
Entweder man findet einen Weg, oder man schafft sich einen
Noch ein „Querdenkerergebnis“: Die Pflegeversicherung ist eine Teilkasko-Versicherung. Die Menschen sichern sich freiwillig für das Restrisiko über eine Pflegezusatzversicherung nicht ab.
Eine gesetzlich verpflichtende Pflegezusatzversicherung, die ich ja schon im letzten Newsletter für sinnvoll gehalten habe, ist aktuell politisch nicht durchsetzbar.
Um eine freiwillige Zusatzversicherung als Staat zu fördern, könnte man Versicherungsnehmer, die schon mehrere Jahre eine freiwillige Pflegezusatzversicherung mit bestimmten Mindestleistungsinhalten vorzuweisen haben, wenn der Pflegefall eintritt, dafür von Staats wegen durch Leistungsaufschläge auf Pflegegeld oder Sachleistungen belohnen. Auch ein „Querdenker-Ansatz“ mit Umsetzungspotential, zumindest als Modellprojekt.
Wenn die bisherigen Strukturen in der Gesundheits- und Pflegepolitik nicht zu einer Lösung der zahlreichen, auch ökonomischen Herausforderungen geführt haben, muss man neue Wege gehen. Da sind nicht so viele unterwegs.
Ihr Wilfried Jacobs